Archiv | Januar 2016

Exkarnation – gute Idee, faszinierende Geschichte

Was passiert mit der Seele, wenn der Mensch stirbt? Diese Frage beantwortet Markus Heitz in „Exkarnation – Krieg der Alten Seelen“ mit einer guten Idee, die in sich logisch ist: Die Seelen wandern in eine Art Ursuppe. Manche jedoch sind sehr mächtig – oder wollen einfach nicht die Erde verlassen. Und so wandern sie in einen anderen Körper und leben weiter.

Zum Inhalt: Claire muss zusehen, wie ihr Mann erschossen wird. Sie will ihm helfen, doch wird von einem Auto überfahren. Sie ist sofort tot – und auch wieder nicht. Denn sie erwacht im Körper der Selbstmörderin Lene von Bachstein. Ihr Wunsch, den Mörder zur Rechenschaft zu ziehen war so groß, dass ihre Seele an der Erde festhielt. Und so schnappte sie einer anderen, wartenden und uralten Seele den Körper vor der Seelennase weg. Damit landet Lene/Claire mitten in einem mystischen Krieg rund um Macht, Mystik und unglaubliche Fähigkeiten.

Meine Meinung: Ich mag dieses Buch sehr. Die Story ist eine erfrischend andere Fantasy-Geschichte, die die Spannung von einem Thriller mitbringt. Die Idee der Seelenwanderung ist natürlich nicht neu. Aber die Umsetzung bei Markus Heitz ist sehr gelungen: Unentdeckt von den Normalsterblichen existieren manche Seelen seit Jahrtausenden. Einige sind besonders gut – andere besonders böse. Und sie bekriegen sich seit Jahrtausenden. Mittlerweile haben sie die Seelenwanderung fast perfektioniert. Denn mit jedem Körperwechsel bekommt die uralte Seele ganz neue, unglaubliche Fähigkeiten. Manche Seelen etwa werden so charismatisch, dass ihnen jeder Mensch folgt – so erklärt Heitz auch Hitler zum Seelenwanderer. In ihm steckte eine besonders böse, alte Seele.

Einziger Nachteil: Jeder Seelenwanderer braucht hin und wieder einen neuen Körper. Und der darf noch nicht lange tot sein. So bringen Assistenten einer alten Seele Lene von Bechstein zum Selbstmord – damit ihre Herrin in diesen Körper schlüpfen kann, der auf Erden viel Geld und Möglichkeiten hat. Bis Claire dazwischenschlüpft und einer anderen Organisation im Krieg gegen die bösen Seelen hilft. Daneben flechtet Heitz gekonnt Figuren aus anderen seiner zahlreichen Fantasy-Werke in die vielschichtige Story ein.

Die Charaktere sind glaubhaft und abwechslungsreich. Die Story rasant und spannend. Die verschiedenen Erzählungen aus dem Roman laufen in atemberaubender Spannung aufeinander zu – und enden natürlich nicht im ersten Band. Zum Glück steht der zweite schon im Regal! Wer den Stil von Markus Heitz und moderne Fantasy mag, der sollte sich diese Bücher unbedingt zulegen, auch wenn sie ganz anders sind, als die Zwerge.

Markus Heitz
Exkarnation – Krieg der alten Seelen
608 Seiten

Droemer/Knaur

2. Teil:
Exkarnation – Seelensterben
656 Seiten
Droemer/Knaur

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Papierjunge – Schwedenkrimi um eine jüdische Sage

Das neueste Werk der schwedischen Thriller-Autorin Kristina Ohlsson hat mich absolut in seinen Bann gezogen – nicht sofort von der ersten Seite, aber spätestens nach der Entführung zwei kleiner Jungs mitten im eiskalten Winter in Stockholm.

Zum Inhalt: Der Papierjunge sucht sich nachts ein Opfer. Er entführt das Kind und tötet es. Der Papierjunge ist eine Sagengestalt, von der man sich in einem Kibbuz in Jerusalem erzählt. Doch plötzlich scheint er zum Leben zu erwachen – mitten in Stockholm. Erst stirbt eine Kindergärtnerin, kurz darauf werden zwei Jungs entführt. Sie alle stammen aus der gleichen jüdischen Gemeinde. Die Ermittler Fredrika Bergman und Alex Recht versuchen verzweifelt und mit allen Mitteln, die Fälle zu lösen und die entführten Kinder zurückzubringen. Ein grausames Verbrechen aus der Vergangenheit zieht sich schließlich bis in die Zukunft und fordert Tribut.

Meine Meinung: Die Geschichte nimmt langsam Fahrt auf, hat mich aber spätestens mit der Entführung der beiden Jungs völlig gefesselt. Die Geschichte rund um den Papierjungen ist großartig, spannend und fließend erzählt und absolut mitreißend. Zwischendrin geben kurze Kapitel einen Blick in die Zukunft frei, wo die Kinder und der Mann einer unbenannten Frau getötet werden. Auf diese grausame Situation läuft die gesamte Story hinaus, nimmt Fahrt auf und steuert rasant darauf zu. Bis zum Schluss habe ich gerätselt, wer die Frau ist, deren Familie ausgelöscht werden soll. Eine Ahnung hatte ich früh, doch die wird schlagartig gekippt – wenn man auf die Details achtet. Das Ende kommt überraschend, löst die gesamte, verwickelte und spannende Geschichte aber in sich logisch – wenn auch brutal und aufregend – auf.

Kristina Ohlsson
Papierjunge
Limes-Verlag, 565 Seiten

Schmutziger Schnee – Spannender Krimi, komplizierte Hintergründe

Da liegt ein Toter in einem Hinterhof – könnte ein ganz gewöhnlicher Mord sein. Wären da nicht so viele Ungereimtheiten. Ein Unbekannter hat den Mord beobachtet, den Notruf alarmiert – und ist verschwunden. Die Wohnung des Toten wurde unmittelbar nach dem Mord von Unbekannten betreten. Der Ermittler Leo Junker muss sich des Falles annehmen. Und der ist ein typischer Ermittler in moderner Tatort-Manier: Vollgepumpt mit eigenen Problemen – und Medikamenten, von denen er einfach nicht loskommt. Ein Dr. House mit Polizeimarke.

Schnell entwickelt der eigentlich ganz normale Mord eine politische Brisanz. Das Opfer war Soziologe, hatte für eine Arbeit in politischen Gruppierungen geforscht, interviewte rechte und antifaschistische Mitglieder verschiedener Gruppierungen. Doch dann übernimmt der Geheimdienst die Ermittlungen, Leo Junker darf sich nicht mehr mit dem Fall beschäftigen Das weckt natürlich – wie nicht anders zu erwarten – den Ehrgeiz des kantigen Polizisten.

Spannend entwickelt sich die Geschichte um den Mord und die verwickelten Hintergründe in Leo Junkers zweitem Fall. Der Autor Christoffer Carlsson schreibt über einen Mord, dessen Auflösung gar nicht so einfach ist und zu einem unerwarteten Ende führt. Die politischen Verwicklungen allerdings sind kompliziert, die Schuldzuweisungen und die einzelnen Gruppierungen zwischen rechts und antifaschistisch ebenso. Allerdings hat der Fall eine große Akutalität angesichts der aktuellen Flüchtlingszahlen: Wie verhalten sich die rechten Gruppierungen, um bei Wahlen Stimmen zu gewinnen? Gehen sie über Leichen? Oder sind vielleicht die Antifaschisten diejenigen, die eher zur Gewalt greifen? Wer ist hier eigentlich der Böse? Und wie werden ganz normale junge Männer zu rechtsradikalen Schlägern? Werden sie gar zu Mördern?

Das Buch ist spannend, die Dramaturgie ausgefeilt. Ich wollte stets wissen, wer der Mörder ist und warum der Soziologe sterben musste. Das Buch hält durchgehend eine düstere und beklemmende Stimmung. Allerdings steht Schmutziger Schnee auf der Liste meiner liebsten Krimis nicht ganz oben. Auch gibt es sehr viel bessere Schwedenkrimis – etwa Stieg Larsson oder Lars Kepler. Dafür ist Schmutziger Schnee mir teilweise zu kompliziert. Und auch Leo Junker ist kein Ermittler, den ich mag. Er hat zu viele eigene Probleme, sollte eigentlich nicht im Außendienst sein, wirkt etwas undurchsichtig. Ich mag Ermittler mit Kanten, echte Charaktere, echte psychologische Tiefe. Aber mir gehen auch die Tatort-Folgen auf die Nerven, bei denen die Problem der Hauptpersonen ständig durchkommen – und nicht die Ermittlungen im Vordergrund stehen.

Christoffer Carlsson
Schmutziger Schnee: Thriller Bd. 2

C. Bertelsmann

schmutziger schnee

Bestrafung – aktueller kann ein Thriller kaum sein

Radikale Islamisten; Terroranschläge, die die Welt verändern; ein Staat, der über Leichen geht, um Anschläge aufzudecken – und mittendrin eine zähe Polizistin mit Biss, Gespür und Durchsetzungskraft.

Zum Inhalt: Ein Selbstmordattentäter hat sich im Tivoli, einem beliebten Vergnügungspark in Dänemark, in die Luft gesprengt. Mehr als tausend Menschen sterben bei dem Anschlag. Die Polizei und der Staatsschutz ermitteln mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln, die Politik drückt dabei viele Augen zu. In dieser Situation telefoniert die Kommissarin Lene Jensen regelmäßig mit Ain – einer jungen Frau, die Selbstmordgedanken hegt. Während eines Telefonats scheint sie vor die U-Bahn gesprungen zu sein. Lene glaubt das allerdings nicht und fängt an zu ermitteln – gegen den Widerstand ihrer Chefin und den Staatsschutz mischt sie sich ein und scheint dabei eine äußerst wichtige Mission zu gefährden. Hilfe bekommt sie dabei vom Privatdetektiv Michael Sander. Und sie erfahren Schreckliches.

Meine Meinung: Brillianter Thriller, der aktueller kaum sein könnte: Wie handelt ein Staat, nachdem ein Selbstmordanschlag ihn bis ins Mark getroffen hat? Darf Unrecht mit Unrecht bekämpft werden? Wer ist der eigentliche Feind und kann man seinen Freunden noch trauen? Wie weit reicht der Arm des Terrors und tötet er die freie Welt? Mit diesen Themen veschäftigt sich Steffen Jacobsen in „Bestrafung“. Dabei zeichnet er nicht Schwarz und Weiß, sondern lässt Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Ahnungslose junge Menschen werden von den Islamisten ausgenutzt – ohne dass diese überhaupt merken, dass sie Terroristen geholfen haben. Es gibt Menschen, die sind Staatsbürger, in Dänemark geboren, arbeiten dort schon ewig – und entpuppen sich plötzlich als radikale Islamisten. Es gibt junge Selbstmordattentäter, die Zweifel haben, aber nicht zurück können. Und es gibt den großen, bösen Chef im Hintergrund, der einen Schicksalsschlag erlitten hat.
Getragen wird der Thriller von einer zähen Polizisten, die sich über Grenzen und Befehle hinwegsetzt und ihrem Bauchgefühl folgt. Auch gegen den Willen des Staatsschutzes. Sie macht aus einer persönlichen Feindschaft und einer Ahnung einen Fall, ermittelt auf eigene Faust und trotz mächtiger Prügel, die sie einstecken muss. Dabei bekommt sie Hilfe von einem Privatdetektiv. Gemeinsam kommen sie einer unglaublichen Tat auf die Spur.
Der Thriller ist rasant, spannend und gruselig aktuell. Die Story ist logisch aufgebaut – aber kaum vorherzusehen. Das Ende: Eine explosive Überraschung.

Und zurück bleibt irgendwie: Ein mulmiges Gefühl.

Steffen Jacobsen:
Bestrafung
Heyne, 512 Seiten

Totenprediger – Thriller mit Garantie für schlaflose Nächte

totenprediger

Ganz frisch auf dem Markt – ein guter Start in das neue Thriller-Jahr: Ein grandioser Thriller ist Mark Roberts da gelungen. Mit „Totenprediger“ liefert der Autor einen Auftakt zu einer Reihe um die Ermittlerin Eve Clay, der Hunger auf mehr macht und für schlaflose Nächte sorgt. Die Handlung ist äußerst spannend, sehr überraschend – und nichts für schwache Nerven.

Inhalt: DCI Eve Clay hat den „Totenprediger“ Adam White vor Jahren ins Gefängnis gebracht. Mindestens 12 Morde gehen auf sein Konto. Plötzlich nimmt er Kontakt zu Eve Vlay auf – als sie gerade in den grausigen und blutigen Ermittlungen zu einem Fall steckt, bei der eine ganze Familie bestialisch ermordet wurde. Die Morde rühren an Bildern aus der Vergangenheit, und auch Adam White tut dies. Er kündigt Eve Clay an, dass es noch weitere Morde geben wird, wenn die Ermittlerin nicht ihrer eigenen Bestimmung auf den Grund geht.

Meine Meinung: Rasant, blutig, temporeich, spannend und sehr überraschend – kurzum: Ein sehr guter Thriller, fast auf dem Niveau von Cody McFadyen. Eve ist eine starke Ermittlerin, als Leser erlebt man jedoch ihre Gefühle mit, kommt dem Charakter sehr nahe, fiebert geradezu mit. Das ist es auch, was mich das Buch kaum aus der Hand legen ließ. Die Handlung steckt voller Überraschungen – aber auch manchmal voller Humor. Die Handlung baut sich rasant auf und zieht einfach mit. Absolut empfehlenswert – und bei Schlafstörungen nicht geeignet.

Mark Roberts
Totenprediger